Fragen und Antworten zum Thema Exoskelette

"Möglicher Einsatz von Exoskeletten in der Industrie"

  • 1. Wie sehen die Berufsgenossenschaften und Unfallkassen den möglichen Einsatz von Exoskeletten in der Industrie?

    Die Einsatzmöglichkeiten von Exoskeletten entwickeln sich derzeit in vielen Bereichen (Industrie, Militär, Rehabilitation…) deutlich weiter. Amerika und Japan sind aus unserer Sicht auf dem Gebiet führend, so dass es sinnvoll erscheint, sich ebenfalls in Europa mit diesem Thema zu befassen. Es gibt Montagebereiche, in denen aus Gründen der Zugänglichkeit bisher keine technischen Hilfen zum Heben schwerer Lasten möglich waren. Hier könnten Exoskelette in Zukunft eine Entlastung des Muskel-Skelett-Systems bei der Montagetätigkeit ermöglichen. Die Wirksamkeit von Exoskeletten bei der Entlastung und etwaige durch die Nutzung von Exoskeletten neu entstehenden Risiken sind dabei für die Berufsgenossenschaften und Unfallkassen von besonderem Interesse und müssen untersucht werden.

  • 2. Wo kann der Einsatz von Exoskeletten sinnvoll sein?

    Es gibt Arbeitsbereiche, in den das Heben und Tragen schwerer Lasten nicht vermieden werden kann. Exoskelette kommen unserer Ansicht nach nur dort infrage, wo andere technische Hilfsmittel wie Gabelstapler, Kran oder Vakuumheber nicht zum Einsatz kommen können. Dies ist in der Regel der Fall bei nicht stationären Arbeitsplätzen oder Tätigkeiten wie bei der Automobildemontage, bei der Möbelauslieferung, bei Arbeiten auf der Baustelle oder auf der Werft. Hier könnte die körperliche Entlastung der Beschäftigten zu einer Reduzierung des Unfallgeschehens und der Ausfallzeiten beitragen.

  • 3. In welchen Bereichen kann auf den Einsatz von Exoskeletten verzichtet werden?

    In Bereichen mit stationären Arbeitsplätzen, insbesondere bei der Serienproduktion, gehen wir davon aus, dass sich Arbeitsplätze so gestalten lassen, dass auf Exoskelette verzichtet werden kann. Die Auswahl an technischen Maßnahmen für stationäre Arbeitsplätze ist sehr vielfältig. Hier können beispielsweise Gabelhubwagen, Scherenhubtische, Vakuumheber, Gabelstapler und Krane für das Anheben und den Transport von schweren Lasten eingesetzt werden.

  • 4. Ist ein Exoskelett als technische oder als personenbezogene Maßnahme einzustufen?

    Der Einsatz eines Exoskelettes ist aus unserer Sicht eine personenbezogene bzw. personengebundene Maßnahme und steht daher an letzter Stelle des im Arbeitsschutz geltenden so genannten TOP-Prinzips. Das heißt, zunächst sind alle technischen und organisatorischen Maßnahmen auszuschöpfen, um die Handhabung schwerer Lasten zu vermeiden. Sollte dies nicht möglich sein, ist der Einsatz eines Exoskelettes als personengebundene Maßnahme durchaus sinnvoll.

  • 5. Welche Gefahren könnten im Umgang mit Exoskeletten entstehen?

    Zum einen könnte die Kraftunterstützung durch Exoskelette genutzt werden, um die Lastgewichte zu erhöhen (zwecks Produktivitätssteigerung), so dass der Mensch weiterhin an seiner Belastungsgrenze arbeiten muss.

    Zum anderen könnte bei aktiven Exoskeletten, bei denen Motoren die Kraft aktiv unterstützen, verstärken und unmittelbar auf den Körper übertragen, eine Fehlfunktion der Motoren oder ihrer Steuerung zu Verletzungen führen. Es ist wichtig, diese sicherheitstechnischen Aspekte frühzeitig, möglichst schon in der Entwicklungsphase, zu berücksichtigen. Zudem muss sichergestellt sein, dass das Exoskelett ergonomisch gestaltet ist und nicht zu zusätzlichen Belastungen oder gar Fehlbedienungen und damit zu Unfällen führt.

    Eine weitere Gefahr besteht durch Stolper- oder Sturzunfälle mit dem Exoskelett. Hier ist das Risiko groß, dass die Beschäftigten unter anderem aufgrund der zusätzlichen Masse schwerere Verletzungen davontragen als ohne Exoskelett.

  • 6. Könnte man durch den Einsatz von Exoskeletten ältere Mitarbeiter länger in Produktionsprozessen arbeiten lassen?

    Es ist denkbar, dass Exoskelette in einigen Jahren die Serienreife erlangen und für die breite Masse produziert werden können. Davon könnten Beschäftigte in verschiedenen Altersklassen profitieren. Das hängt von verschiedenen Faktoren ab, vor allem gilt es, die o.g. Gefahren im Sinne sicherer und gesunder Arbeit zu vermeiden.

  • 7. Wären Exoskelette eine Lösung, um die Gesundheitskosten zu senken?

    Grundsätzlich, wenn alle sicherheitstechnischen, ergonomischen und ethischen Fragen geklärt sind, wäre das einer von mehreren möglichen Ansätzen, um Menschen länger gesund im Arbeitsprozess zu halten. Das ist angesichts des demografischen Wandels und zunehmenden Fachkräftemangels eine wesentliche Herausforderung für die Wirtschaft. Wann immer das gelingt, ergibt sich für die Betriebe auch ein wirtschaftlicher Vorteil: AU-Zeiten sinken, Beschäftigte arbeiten motivierter und erbringen in der Regel bessere Arbeitsergebnisse. Die Bindung an das Unternehmen steigt.

  • 8. Exoskelette lassen Mensch und Maschine gewissermaßen verschmelzen - für den Moment entsteht ein technisch optimierter Mensch. Will man das?

    Das aktuelle Grünbuch des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) "Arbeiten 4.0" sagt dazu: "Was wir tatsächlich wahr werden lassen von dem, was (technisch) möglich ist, um unsere Lebens- und Arbeitswelt zu gestalten, liegt weiterhin in unseren Händen - hier liegt der gesellschaftliche und politische Gestaltungsauftrag". An dem beteiligt sich auch die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV), indem sie Hinweise auf technische Entwicklungen so früh wie möglich aufgreift und im Hinblick auf mögliche Risiken aber auch Möglichkeiten für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit bewertet und dafür sorgt, dass die Umsetzung solcher Entwicklungen am Arbeitsplatz dem Menschen nutzt und nicht schadet.

  • 9. Was würden Sie den Entwicklern dringend empfehlen?

    Zum einen, frühzeitig mit Experten der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) zu kooperieren, um sicherzustellen, dass ein sicheres Produkt entsteht. Dazu müssen die Hersteller die Sicherheitsanforderungen der Norm DIN EN ISO 13482:2014-11 "Roboter und Robotikgeräte - Sicherheitsanforderungen für persönliche Assistenzroboter" erfüllen.

    Zum anderen darauf achten, dass die Schnittstelle Mensch-Maschine ergonomisch gestaltet ist und nicht zu zusätzlichen Belastungen oder gar Fehlbedienungen und damit zu Unfällen führt. Weiterhin müssen Exoskelette komfortabel in der Handhabung sein. So sollte der Aufwand beim An- und Ausziehen gering sein.

    Exoskelette, die an nicht stationären Arbeitsplätzen im Freien eingesetzt werden, müssen wetter- und umgebungstauglich sein. Das heißt, sie sollten beispielsweise gegen Staub ausreichend robust sein. Auch bei Kälte, Nässe oder sommerlichen Temperaturen um die 30 Grad sollte ein Exoskelett noch störungsfrei arbeiten und angenehm zu tragen sein. Dadurch erhöht sich die Akzeptanz bei den Beschäftigten und ist auch aus hygienischen Gesichtspunkten wichtig.

    Bei bisherigen Entwicklungen stand häufig die technische Umsetzung im Mittelpunkt und, die Erfordernisse der Beschäftigten kamen erst an zweiter Stelle. Somit hilft die beste Lösung nichts, wenn sie von den Beschäftigten nicht genutzt wird, weil sie vermeintlich keine Erleichterung bringt. Dadurch, dass mit dem Exoskelett der Mensch Teil der Maschine wird, ist es zwingend erforderlich, ihn früh in die Planung möglicher Einsatzbereiche einzubeziehen.

  • 10. Welche Fragen gilt es noch zu beantworten?

    Bisher liegen weder Erfahrungen und Untersuchungen zur Eignung und Wirksamkeit von Exoskeletten noch zu zusätzlich auftretenden Gefährdungen der Beschäftigten vor. Solche Untersuchungen sind von besonderem Interesse und sollten möglichst vor dem Praxiseinsatz durchgeführt werden.

    Außerdem sind folgende Fragen zu klären:

    • Inwieweit ergibt sich tatsächlich eine Belastungsminderung für den ganzen Körper oder werden Risiken einfach nur verlagert?
    • Ist bei häufiger Nutzung eines Exoskelettes ein Abbau der Muskulatur zu erwarten?
    • Was passiert, wenn beim kraftbetriebenen Exoskelett eine Fehlfunktion der Steuerung auftritt und dadurch beispielsweise eine unbeabsichtigte, gefahrbringende Bewegung ausgeführt wird?
    • Wie realisiert man die Not-Halt-Funktion am Exoskelett?

    Die Berufsgenossenschaften stehen bereit, bei der Entwicklung von Exoskeletten aktiv mitzuarbeiten und ihre langjährigen Erfahrungen in der Unfallverhütung, dem Gesundheitsschutz und der ergonomischen Gestaltung von Arbeitsmitteln bei Forschungs- und Normungsvorhaben einzubringen.